Wieviel Praktikumsgehalt ist angemessen?

Am 21. Juni 2013 veröffentliche Wissenschaft im Dialog (WiD, @wissimdialog) gemeinsam mit Sciencestarter (der Crowdfundingplattform von WiD, @sciencestarter) eine Ausschreibung für eine Praktikumsstelle. Deren Kernpunkte:

Dauer 4–6 Monate

  • Arbeitszeit 38,5 Stunden pro Woche
  • Vergütung mindestens 400 € pro Monat
  • Voraussetzung: Hochschulstudium ab dem 3. Semester
  • Aufgaben: Unterstützung der Online-Kommunikation, Verteilerpflege, Erstellen des Pressespiegels, Recherchetätigkeiten

Was mir dabei sofort ins Auge sprang, ist die nicht gerade fürstliche Entlohnung dieser Vollzeittätigkeit: 400 € pro Monat macht bei 4 Wochen zu 38,5 Stunden ein Stundengehalt von rund 2,6 € (plusminus ein paar Cent, je nachdem, wieviele Arbeitstage der Monat tatsächlich hat). Dabei bleibt offen, ob dies als Bruttogehalt, Nettogehalt oder als Honorar für eine selbständige Tätigkeit ausgezahlt wird.

Nun könnte man argumentieren, so ein Praktikum (besonders bei WiD) sei eine besonders qualifizierte Ausbildung, die es rechtfertigt, dafür bei Vollzeittätigkeit für ein Semester sein Studium ruhen zu lassen und gleichzeitig etwa 50% des Lebensunterhalts dafür zu erhalten. In der tat bin ich überzeugt, dass das Praktikum beim Team von Markus Weißkopf inhaltlich extrem spannend ist und gute Voraussetzungen für einen späteren guten Start in das Berufsleben als Wissenschaftskommunikatorin (mit kleinem "i", schaut man in die Teamliste von WiD :-) ) liefert – besonders, was die Vernetzung mit der starken Berliner Szene im Bereich betrifft.

Doch gleichzeitig bleibt die Praktikumsstelle eine Vollzeitstelle, die neben oder eher statt des Studiums durchgeführt werden muss. Es gibt wahrscheinlich nicht viele Studiengänge, die ein vier- bis sechsmonatiges Pflichtpraktikum vorsehen, sodass dieses Praktikum Bestandteil des ohnehin angestrebten Studiums sein könnte. Eigentlich zielt es dann doch eher auf Absolventen der unteren akademischen Prüfungsstufe (Bakkalaureaten).

Diese wiederum haben schon einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss und sind bei einer Vollzeitanstellung „richtige“ Arbeitnehmer – mit Anspruch auf eine faire Entlohnung. Ich konnte dazu nicht schweige, so entspann sich folgender kurzer Twitterdialog zwischen @wissimdialog, @thorsten_witt (von WiD) und mir:

@jenskube: Hey, @wissimdialog u. @sciencestarter, was 4–6 Monate dauert bei 100€1/38,5h ist kein Praktikum! #guesstheword

@wissimdialog: @jenskube kommt doch auch auf die Aufgaben, die Betreuung und die Möglichkeiten zum Vertiefen von und Erlernen neuer Kenntnisse an.

@jenskube: @wissimdialog Als einsemestriges Pflichtpraktikum im Studium mag das passen. Liest sich eher so, also ob ihr ne Vollzeit-SHK sucht…

@thorsten_witt: @jenskube @wissimdialog SHKs haben wir auch, aber die haben  andere Aufgabenbereiche als Praktikanten. Darauf achten wir durchaus :)

@jenskube: @thorsten_witt Letztlich finde ich das trotzdem stark unterbezahlt. Ist ja immerhin Vollzeit. Inhaltlich sicher total spannend!

@thorsten_witt: @jenskube Die Betonung liegt auf "mindestens". Praktikanten m/w, die länger als 4 Monate bleiben, bekommen alle deutlich (betont!) mehr

1 - im Original stand hier 100h/38,5h, natürlich war 100€/38,5h gemeint

Wie viel das betonte „deutlich“ genau ist, blieb an dieser Stelle zunächst offen. Ich gehe mal spekulativ davon aus, dass sich für die letzten beiden Monate das Gehalt am Berliner Tarif der studentischen Hilfskräfte orientert (der liegt laut wikipedia bei rund 11 € pro Stunde (brutto) und ist damit der am höchsten dotierte Tarif für studentische Hilfskräfte).

Kurze Rechenpause: 4 Monate zu je 400 € und 2 Monate zu 38,5*4*11 € macht zusammen ziemlich genau 5000 € für 6 Monate. Das klingt doch schon gar nicht mal so schlecht – immerhin 5,4 € Stundengehalt, brutto. Putzkräfte in Privathaushalten erhalten etwa das Doppelte.

Nun können wir die Situation mal aus Sicht des Praktikumsgebers betrachten (ich abstrahiere mal, denn außer WiD vergeben auch andere Einrichtungen im Wissenschaftskommunikationsbereich ähnlich dotierte Praktikumsstellen):

Praktikantinnen müssen betreut werden. Das kostet Zeit vom ansonsten auch selten zu reichlich vorhandenen Personal. Etwa 10 Stunden pro Woche, in den ersten Wochen gerne auch mehr. Bei guten Praktikantinnen rentieren sich diese Stunden aber schon schnell. Nach etwa einem Monat, so meine Erfahrung mit unseren zahlreichen Praktis bei Welt der Physik in den letzten 5 Jahren, schaffen gute Leute etwa den Gegenwert von mindestens 25 Stunden Vollzeitkraftarbeit bei nur noch 5 Stunden Betreuung, leisten also in ihren Aufgabenbereichen netto so viel wie eine halbe Vollzeitkraft.

Eine halbe Vollzeitkraft kostet je nach Qualifikation sowas wie 2000 € brutto pro Monat. Für ein sechsmonatiges Praktikum sieht eine Bilanz daher etwa so aus:

1. Monat: 1/4 Stelle Betreuungsaufwand, kein „Nutzen“ = – 1000 €
2. Monat–n. Monat: 1/2 Stelle „Nutzen“ = + 2000 €

Für ein dreimonatiges Praktikum (was ich persönlich übrigens für die richtige Länge halte, um noch ernsthaft Praktikum und nicht Aushilfstätigkeit oder Zeitarbeit genannt zu werden), nutzt mir ein Praktikantin also 3000 €, pro Monat mithin 1000 €. Dauert das Praktikum gar 6 Monate, dann sind es sogar 1500 € pro Monat.

Natürlich setzt diese Rechnung voraus, dass sich die Praktikantinnen auch als qualifiziert genug darstellen, um in den Monaten 2–n nützliche Inhalte zum Betrieb beizusteuern. Die gleiche Rechnung müsste übrigens auch für studentische Hilfskräfte gelten. Auch diese benötigen eine Einarbeitungszeit, bei der es keinen Grund gibt, anzunehmen, dass sie kleiner ist als bei Praktikanten – jedenfalls bei gleichem Aufgabenumfang.

Mein Vorschlag für eine faire Praktikumsentlohnung:

Praktikantinnen sollten mindestens 25 Stunden pro Woche in ihrem Praktikumsbetrieb arbeiten (so bleibt noch etwas Zeit für Studium, Jobsuche etc.) und erhalten dafür pauschal 200 € pro Woche zu versteuerndes Honorar. Damit lässt sich in einer Großstadt mit den heutigen fantastischen Immobilien- und Mietpreisen einigermaßen vernünftig leben Im Gegenzug kann man erwarten, dass spätestens im zweiten der drei Praktikumsmonate auch „was rumkommt“. Sollte das nicht gelingen, sollte man im beiderseitigen Interesse ein Praktikum auch frühzeitig beenden.

3 thoughts on “Wieviel Praktikumsgehalt ist angemessen?

  1. Lieber Herr Kube,

    vielen Dank für ihren durchaus interessanten Vorschlag und Gedanken zu dem Thema. In der Tat ist das Thema Praktikantenstellen und –vergütung ein wichtiges Thema, zu dem wir uns auch bei WiD viele Gedanken machen. Mein Studium liegt noch gar nicht lange zurück und ich erinnere mich an mehrere frustrierende Momente beim Lesen der zwar durchaus interessant klingenden, aber nur sehr gering oder mitunter gar nicht vergüteten Praktika, die damit für mich nie in Frage kamen. Insofern ist das auch ein Thema, was mich persönlich sehr beschäftigt.

    Auf einige Punkte in Ihrem Beitrag möchte ich gerne eingehen und sie aus unserer Sicht (WiD) erläutern.

    Zum einen suchen wir für zu vergebende Praktikumsstellen in der Regel tatsächlich Studenten (in der Praxis sind das bei uns in der Tat hauptsächlich Studentinnen, gut beobachtet :) ) und keine Absolventen. Wir verstehen unsere Praktika als einen Beitrag zur Ausbildung von Studenten, und wollen ihnen die Möglichkeit geben, bei uns praktische Erfahrungen im vielseitigen Bereich der Wissenschaftskommunikation zu sammeln und sich weiter zu qualifizieren. Klar ist: der Fokus eines jeden Praktikums sollte im Vermitteln und Erlernen neuer Erkenntnisse und Fähigkeiten liegen. Wir legen bei uns großen Wert auf die direkte und intensive Betreuung der Praktikanten und versuchen, auf ihre unterschiedlichen Ansprüche und Fähigkeiten individuell einzugehen. Ich glaube sagen zu können, dass uns das auch wegen unserer Größe und Team-Struktur ganz gut gelingt.
    Wie Sie ja richtig meinten, kostet diese Betreuung viel Zeit und der Aufwand dafür schwankt in der Tat recht stark von Person zu Person und den eventuell vorher bereits gesammelten praktischen Erfahrungen. Gerade diese Zeit zur Betreuung sollte aber der Kern eines jeden Praktikums sein und ich denke beide Seiten, sowohl der Praktikant als auch der Arbeitgeber, haben daran ein ureigenes Interesse. Uns ist schließlich selbstverständlich auch daran gelegen, dass die Praktikanten nach einer gewissen Einarbeitungszeit mehr und mehr Aufgaben und Prozesse selbstständig übernehmen können. Inwieweit das geht, ist aber in der Tat auch wiederum stark von Person zu Person unterschiedlich. Aber wie Sie ja auch meinten: ein Praktikant soll schließlich keine reguläre Stelle ersetzen.

    Was die Dauer eines Praktikums angeht, so ist es immer noch so, dass in vielen Studiengängen studienbegleitende Vollzeit-Praktika von bis zu 6 Monaten vorgeschrieben sind, was auch bei uns das absolute Maximum ist. Da mit fortschreitender Praktikumsdauer natürlich auch die Fähigkeiten und damit auch Art und Umfang der Arbeiten der Praktikanten zunehmen, bekommen Praktikanten, die länger als 4 Monate bleiben, vom ersten Monat an mehr als 400 €. Die konkrete Höhe der Vergütung ist bei uns letztlich abhängig von der Qualifikation und der Praktikumsdauer. Wir haben uns was die Vergütung angeht bei anderen Arbeitgebern in diesem Bereich umgesehen und zahlen damit im Schnitt doch deutlich mehr als viele der Anbieter von Praktikumstellen.

    Neben der Betreuung und der Vergütung sollte aber ein weiterer wichtiger Aspekt nicht außer Acht gelassen werden: Ein Praktikum gibt Praktikanten die Chance, potentielle Arbeitgeber und Branchen, und uns auch die Chance, Personen und Ihre Arbeit näher kennen zulernen. Wie jede andere Einrichtung auch, so haben auch wir bei WiD natürlicherweise ein großes Interesse daran, Praktikanten und auch Studenten fest einzustellen, wenn sich dies anbietet und möglich ist. Auch diese Option macht ein Praktikum aus, auch wenn das für den Arbeitgeber nicht immer im Vorfeld planbar ist, was dann auch von Anfang an offen kommuniziert werden muss. Es kam aber auch bei uns schon des Öfteren vor, dass Praktikanten und Studenten, übernommen wurde, wenn dies denn für beide Seite interessant und möglich war. Und wenn ich das noch anmerken darf: bei mir persönlich auch.

  2. Lieber Felix Kube,
    vielen Dank für diesen Artikel und die Kritik. Ich halte sie für absolut berechtigt.
    Aus meiner Sicht: Möge das Praktikum sterben! Braucht doch eh Keiner!

    Manchmal frage ich mich auf welchem Stern solche Praktikumsgeber leben. Als würden sie einen Praktikumsbewerber einstellen, der noch was lernen soll. So ein Unsinn!
    Aus eigener Praxis, weiß ich, solch "Luxus"Praktikas können sich wegen der geringen Vergütung eh nur "gepamperte" StudentInnen leisten, deren Zuverdienst nicht in den Lebenserhalt sondern in die Finanzierung des Surfurlaubs fließt.

    Zudem halte ich den Lernwert von Praktika für äußerst gering. Nur wenn Mitarbeiter kosten, investieren Auftraggeber wirklich in eine schnelle, umfassende Ausbildung und fordern Leistung ein. Das führt zu großen Lernsprüngen und wiederverwertbarem Wissengewinn.
    Und zur Kompetenz: Gehen wir mal davon aus, das ein Dritt-Semester Bachelor in Kommunikation, zwischen 2 bis 4 Kommunikationsprojekte inklusive vollständiger Pressearbeit und Praxisphase, Medienausbildung in Print, Hörfunk und Fernsehen mitbringt (Man lese aufmerksam die Curiculla). Natürlich noch das private Intzeresse an Medien und Kommunikation - das macht einen guten Kandidaten aus. Das die übliche Bürosoftware beherrscht wird ist Standard und gerne noch die komplette Bildbearbeitung mit!

    Mein Erfahrungswert sagt, ist dieser Praktikant in 14 Tagen nicht eingearbeitet, ist es eine Schlafnase (wahrscheinlich mit bezahltem Freelancer-Job in der Freizeit) oder das Aufgabenfeld ist zu groß. Denn das ist die übliche Einarbeitungszeit in der gelernt wird: Wer macht was, Wo ist mein Arbeitsfeld, Wie verteilen sich die Kompetenzen, Wie organisiere ich mein Arbeitstag. Zudem liegt der Praktikumswert selten in der Wissensanwendung, denn mehr im Sozialem - Büroluft schnuppern. eben

    Zum Glück gibt es heute reichlich Arbeitgeber, die diese Qualitäten der Bachelorkandidaten zu schätzen wissen und ein ordentliches renten- und krankenversichertes Arbeitsverhältnis in Teilzeit statt eines Praktikums anbieten. Ja, auch wir Studenten freuen uns, wenn wir statt der pauschalen 80 Euro nur noch 22,50 Euro an die Krankenkasse zahlen müßen, wir in den Genuss von Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld kommen .)
    Und am Ende lassen wir uns diese (Praxis)Zeit einfach an der Uni anerkennen.

    PS: Ich glaube nicht an den Mehrwert für die berufliche Zukunft innerhalb dieser Praktika-Pseudo-Netzwerke, da züchtet man sich doch keine Konkurrenz auf den eigenen nächsten öffentlichen Projektetat.

    Viele Grüße
    Elli - Studentin in Lohn und Brot

    PS: Übrigens hat mein NebenStudiumsverdienst-Arbeitgeber mich für die Zeit des Praxisssemsters frei gestellt. Wenn ich damit durch bin, bekomme ich meinen Job, wie zuvor zurück - So gehört sich das.

    • Hallo Elli,

      ich nehme an, Felix Kube bezieht sich darauf, dass ich mich grundsätzlich „glücklich“ fühle. Auf dem Papier und gesprochen heiße ich Jens, nicht Felix…

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