Ich werde Hochschuldozent, Teil 1

Aus Sicht vieler Doktoranden habe ich in meiner Promotionszeit einen „guten“ Vertrag gehabt: Ich durfte forschen und musste nicht lehren. Allerdings fand ich das manchmal bedauerlich. In einem 11qm-Büro in der altehrwürdigen Sternwarte der Uni Göttingen mit zwei Personen und drei lauten Servern sitzen verlangt schon gelegentlich nach etwas Abwechslung. Na gut, dann halt ein Nebenjob als Linuxtrainer bei einer bekannten Linuxfirma aus Göttingen – ich war sogar mal von einer anderen bekannten Linuxfirma als Trainer zertifiziert, ist aber 10 Jahre und fast unendlich viele Updates her. Hat Spaß gemacht, Leuten was beizubringen.

Neulich stolperte ich über die Offerte der Hochschule Bremen, dass dort Lehrbeauftragte für Physik gesucht werden. Das könnte doch passen! Flugs eine Bewerbung zusammengeschrieben (ganz knapp ungefähr um die Zeit des Fristablaufs, oder gar t+ε). Überraschend: Nicht mal 12 Stunden später kam der Anruf und ich hatte den Job. Leichte Unsicherheit, ob da eine Falle dabei ist.

Natürlich ist eine Falle die eher schlechte Bezahlung: 29,05 € brutto gibt es pro Unterrichtsstunde, also pro 45 Minuten. Damit sind aber alle Vor- und Nachbereitungen, die Klausur (erstellen und korrigieren) und die Nachklausur abgegolten. Optimistisch gerechnet, bekomme ich damit so etwa 8–10 € netto pro Zeitstunde, also auf dem Niveau der verschiedenen Ansätze für den Mindestlohn, den die Parteien links der Mitte für die Zeit nach der Bundestagswahl versprechen (OK, die versprechen das Brutto).

Die andere Falle ist die Zeit. Ich habe einen ordentlich bezahlten Vollzeitjob im öffentlichen Dienst. In einer anderen Stadt. D.h., ich pendele jeden Tag mehrere Stunden lang. Da noch weitere 8–10 Stunden pro Woche dazuzupacken ist schwierig. Ich möchte aber gerne. Meinen Chef konnte ich überzeugen, meine Stelle für die Vorlesungszeit um 10% zu reduzieren, das ist gerade so, dass ich auch weiter meinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen kann und mit meinem Zeitbudget hinkomme – hoffe ich jedenfalls.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellanküche. Daher wartet zurzeit der Antrag auf Arbeitszeitreduzierung unterschriftsreif auf meinem Schreibtisch. Denn nicht nur, dass die Hochschule – vorurteilsgemäß – freiberufliche Dozenten schlecht bezahlt. Nein, auch der Vertrag ist sechs Wochen nach Zusage noch nicht bei mir angekommen. Wäre ja schade, wenn ich meinen Hauptjob reduziere und dann mit –10% dastünde.

Edit 13.9.2013, 13:18 Uhr: Kurz nachdem ich diesen Artikel gepostet hatte, kam der Brief mit dem Vertrag. Alles wird gut.

Neugierig bin ich auf meine Studenten (hauptsächlich Maschinenbauer, 1. oder 3. Semester, daher – ganz vorurteilsbehaftet – die männliche Form). Hoffentlich werden die nicht schockiert sein, dass ich keine oder kaum PowerPoint-Folien* zeigen werde. Die Hochschule hat für die Grundvorlesung Physik keine Materialsammlung, sieht keine Experimente vor. Stattdessen gibt es eine große Sammlung digitaler Materialien. Ich könnte es mir also einfach machen und einfach eine Slideshow vortragen. PowerPoint-Karaoke ohne Nachdenken. Dann wäre mein Nettogehalt auch besser, aber dann könnte ich gemeinsam mit den Studis auch einfach ne iTunes-U-Physikvorlesung schauen. Habe ich nicht vor.

…Fortsetzung folgt…

* weiß eigentlich jemand, der nie einen Tageslichtprojektor benutzt hat, heute noch, warum das „Folien“ heißt? Oder gibt es da ein besseres Wort für?

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