Digital Natives oder digitale Eroberer und Kolonisten?

Gibt es sie wirklich, die digitalen Eingeboren, denen der Umgang mit den mittlerweile gar nicht mehr so neuen Medien in die Wiege gelegt wurde und die dadurch mühelos mit Informationsmengen hantieren können, die ältere Mitbewohner (so über 30) nur noch mit den Ohren schlackern lassen? Diese Frage stelle ich mir schon seit einiger Zeit – nun möchte ich sie, angestoßen durch Diskussionen im Rahmen und am Rande der Wissenswerte 2013 in Bremen, einmal beleuchten.

Auf der Wissenswerte 2013 stellt das BMBF sein neues Wissenschaftsjahr 2014 „Die digitale Gesellschaft“ vor (nicht verwechseln mit dem Verein gleichen Namens, der „eine kampagnenorientierte Initiative für eine bürgerrechts- und verbraucherfreundliche Netzpolitik“ schaffen möchte). Die digitale Gesellschaft hat nach Vorstellung des Wissenschaftsjahres dabei drei Kategorien von unterschiedlich sozialisierten Mitgliedern, nämlich:

  • Digital Natives – die nach 1980 geborenen
  • Digital Immigrants – die mittlere Generation
  • Digital Newcomers – die Generation 60+

Nach dieser Definition müsste ich ein Digital Immigrant, ein Einwanderer in die digitale Welt sein. So fühle ich mich nicht, und auch die anderen Ü30, mit denen ich groß geworden bin, würden sich so nicht gerne kategorieren lassen. Ich möchte den Begriff des „Digitalen Entdeckers“ oder des „Digitalen Eroberers“ für die Generation einführen, die selbst an der Entwicklung der digitalen Welt maßgeblich beteiligt war oder diese in der Zeit ihrer eigenen Erwachsenwerdung beim Erwachsenwerden begleitet hat.

In diesem Begriffsmodell sind die nach 1980 geborenen diejenigen, die das digitale #Neuland nur in der gereiften, immer vorhandenen Form kennen. Sie sind die Nachkommen (nicht zwingend im biologischen Sinne) der Entdecker und Eroberer, also „Digitale Kolonisten“. Ob es wahre „Digital Natives“ gibt, für die der Umgang mit der digitalen Welt so sicher und selbstverständlich ist in allen Aspekten wie der Gang zum Bäcker, das wird sich erst zeigen. Wahrscheinlich ist erst die Generation, die mit Social Media und Touch-Tablet-Geräten eine ganz andere Art von selbstverständlicher Interaktion und Vernetzung erlebt, dazu berufen, echte „Natives“, also Neulandbewohner der dritten Generation zu sein. Das sind die Menschen, die ab ca. 2008 geboren wurden, deren Erstkontakt mit der digitalen Welt das iPad der Eltern und die immer verfügbaren digitalen Inhalte – egal wo – sind.

Die Existenz oder Neuentstehung von Technike und die persönliche Lebensspanne lassen sich grundsätzlich in vier verschiedene Überlappungen einteilen (auch wenn eine Dreiteilung instinktiv immer als schöner wahrgenommen wird):

  • Zum Zeitpunkt der Geburt (oder besser vielleicht: während der eigenen Techniksozialisation) war die Technik so alltäglich, dass Sie gar nicht mehr als besondere Technik wahrgenommen wird. Dies trifft für die heute in Europa lebenden Menschen in den meisten Fällen auf Eisenbahn, Auto, Heizung oder Telefon zu.
  • Zur Phase der eigenen Techniksozialisation existierte die Technik schon in einer guten Reife.
  • Die Technik reifte während der eigenen Techniksozialisation.
  • Die eigene Techniksozialisation war schon abgeschlossen, als die neue Technik aufkam.

Auf den ersten Blick klingt diese Einteilung eigentlich so, wie die obige in „Natives“ (beide obere Punkte zusammengefasst), „Immigrants“ und „Newcomers“. Dass sie im Detail aber anderes bedeutet, erschließt sich, wenn man die Art des Umgang und die Verstehenstiefe betrachtet: Die vermeintlichen „Natives“ sollten eigentlich alle Facetten der Technik gut kennen, sich hinter allen Hügeln und in allen Sümpfen zurechtfinden. Diese Kriterien treffen in der digitalen Welt aber eher auf die mittlere Generation, meine „Eroberer“ zu, zumindest auf diejenigen aus dieser Generation, die das Entstehen der digitalen Welt maßgeblich vorangetrieben oder zumindest aktiv mit verfolgt haben.

Die letzte Bemerkung zeigt, dass man eindimensional nicht komplett weiter kommt. In allen vier Kategorien gibt es unterschiedlich interessierte Menschen an den Techniken. Ein Blick in die heute ausgereiften Techniken macht dies klar: Zwar hat jeder eine Heizung zu hause und kann sie ungefähr richtig benutzen. Die Technik dahinter kennen jedoch nur die Ingenieure, die sie bauen, und in bestimmtem Umfang die Heizungstechniker, die sie montieren. Ein kompletteres Bild ergibt sich, wenn wir für jede Phase noch die Kategorie

  • Ignorierer/Verweigerer
  • Nutzer
  • Techniker/Voranbringer

ergänzen. Dann haben wir 12 (!) unterschiedliche Einstellungen und Kompetenzfelder zu aufkommenden Techniken. Zeit für eine Grafik:

20140321_TechnikKategorien_jkubeIn dieser Darstellung gibt die Größe der Felder meine Einschätzung an, wie die Häufigkeit der jeweiligen Einstellung zur Technik unter den Personen der jeweiligen Generation verteilt sind (wobei die Skala der Voranbringer nicht zu den anderen beiden Interessensklassen passt, in der Realität dürften die deutlich seltener sein). Eine Untersuchung dazu wäre interessant, liebe Soziologen.

Die Kategorien des Wissenschaftsjahres in „Natives“, „Immigrants“ und „Newcomer“ umfasst nur die Nutzerkategorien und ignoriert die Voranbringer völlig.

Ich glaube, mein Punkt ist klar. Eine späte Geburt reicht nicht aus, um „Experte“ in einer Technologie zu sein. Zum Digital Native braucht es mehr als einen Geburtsjahrgang nach 1980.

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